Predigt aktuell: Zweifel?!

Impuls von Dekan Norbert Mecke, März 2018:

Vom gar nicht so ungläubigen Thomas

Ein Miesepeter oder genauer: Miese-Thomas! Muss aus der Reihe tanzen!

„Wir haben den Herrn gesehen!“ – das ist die beglückende Erfahrung der Freunde von Jesus an Ostern.

Eine im Wortsinn wundervolle Erfahrung: Der Tod kann Jesus nicht halten. Er lebt! Er begeistert: mit seinem Heiligen Geist. Man liest das Johannesevangelium und denkt: „Happy end!“ Jetzt noch der Abspann und man kann das Buch zufrieden zuschlagen.

Doch dann klappt Thomas nach: Hatte bei den entscheidenden Osterereignissen wichtige andere Termine. Jetzt will er einen Nachschlag für Zuspät-Kommer. Den anderen glauben? Pah! Er will selbst mit seinem Finger den verwundeten Körper des auferstandenen Jesus berühren. Drunter macht er´s nicht, glaubt er´s nicht. Schmollmund und aus. Acht Tage lang legt er den Betrieb lahm, der Zweifler. Da half keine Überzeugungsarbeit, kein Argumentieren.

Aber wie gut, dass das nicht um der Harmonie willen ausgeblendet wurde. Das wäre vielleicht für den literarischen Spannungsbogen schön, aber nicht ehrlich gewesen. Jetzt ist es ganz schön ehrlich:

Thomas will´s wissen – genau wie Willi, Sabine oder ich – und zwar persönlich! Selbst beste Freunde können schließlich nicht für mich glauben. Wenn´s um mein Leben geht, will ich mit meinen Fingern ertasten, mit meinem Verstand bohren, mit meinem Herz überzeugt sein. Und ich stehe solange wie bestellt und nicht abgeholt im Wartezimmer bis ich selbst aufgerufen und hineingeholt werde – und hätten andere noch so heilsame Erfahrungen mit Christus gemacht. Das Johannesevangelium hält fest: Zweifel haben ihren Platz. Mehr noch: Zweifler sind samt ihren Fragen dem auferstandenen Jesus bekannt und wertvoll. Denn er kommt auf Extrabesuch bei Thomas. Durch fest verschlossene Türen tritt Jesus herein. Kein Zweifel kann ihn so aussperren, dass er nicht Zugang fände.

Er sieht, was man bei Thomas leicht übersehen kann. Dass der sich schon früh gefragt hatte, wohin der Weg von Jesus führt. Dass er mutig an seiner Seite blieb, als es für die Gefährten gefährlich wurde. Dass er kritisch untersucht, was nur haltloses Geschwätz ist und was gehaltvoll Halt gibt. Den will er begreifen. Und da ist die Sache mit dem Finger vielleicht die leichteste Übung. In Kopf und Herz will er ihn begreifen: den Christus. Ob er auch für ihn lebendig ist. Ob er es wirklich ist, der dem Leben zum Sieg verhilft.

Wie ungerecht, dass ausgerechnet er als „Ungläubiger Thomas“ in die Geschichte einging! Als sei Zweifel eine Vorstufe des Glaubens. Nein. Unser deutsches Wort hält so verständlich fest, dass man im Zwei-fel eben zwei Seiten in sich erlebt: Vertrauen wollen und nicht können. Überzeugungen wie Ausrufezeichen ersehnen, aber mit vielen Fragezeichen Achterbahn fahren. Anstrengend! Einfältigkeit ist leichter. Gleichgültigkeit ist leichter. Beides hätte Thomas schon nach ein paar Minuten haben können und Ruhe wäre gewesen. Aber was für eine? Was ist das für eine Gemeinschaft, die nicht aushält, wenn´s bei einem rumort? Was wäre das für eine innere Ruhe, die auf vermiedener Auseinandersetzung beruht? Eine denkfaule ohne Tiefgang. Eine, bei der man sich selbst nicht ernst nähme. Und damit eine unchristliche. Denn Christus kommt und nimmt Thomas und alle Fragenden sehr ernst. Dafür setzt er seine Vitalität ein. Ruhig höre ich ihn durch den Bericht von Thomas auch zu mir sagen: „Der Nächste bitte!“ Und ich darf eintreten. Mit Zweifeln. Mit Glauben, der nicht erst im Vorzimmer auf Idealgewicht geprüft wird.

Und dann? Es scheint, Thomas hat gar nicht mehr den Finger in die Wunden gelegt. Er erlebt: Mit ganzer Hingabe und Leidenschaft, mit Passion, geht ihm Jesus nach. Das zeichnet sich am Kreuz ab und den Auferstanden aus.

Nein, Thomas tanzt nicht aus der Reihe. Er tanzt vor, dass im Glauben an Christus selbst zögerliche Schritte Teil der Choreographie Gottes sind. Sind! Nicht erst „werden könnten“. Auch wer sich mit seinem Zweifel aus dem Takt gekommen fühlt oder sich und anderen manchmal mit seinem Zögern, Zaudern und Zagen auf den Füßen steht, hört vom Herrn ein freundliches: „Darf ich bitten!“ Und staunt dann vielleicht schneller als er´s selbst glauben kann mit Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“

Und das soll ein Artikel voll zweifelloser Überzeugungskraft sein? Nein, das Argumentieren hat sicher auch seinen Ort. An Thomas aber lerne ich: Was die Jünger mit Überzeugungskunst in acht Tagen nicht geschafft haben, vermögen auch keine paarmal acht Zeilen. Das „Happy end“ bewirkt ein anderer. Bei Thomas. Bei mir. Bei Ihnen. Tritt ein durch Türen, die nicht einfach durch ein paar Schlüsselwörter geöffnet werden können, und sagt: „Friede sei mit Dir!“. Sagt´s und bewirkt´s. Vielleicht sogar besonders gut, wo wir zwiegespalten und unschlüssig sind.

Johannes stellt uns kurz vor Toresschluss Thomas vor und zeigt: Das Evangelium wird nicht eher zugeklappt bis ernsthaft Fragende zu Herzen gehende Antworten bekommen. Gott sei Dank!

Dekan Norbert Mecke (in der Bibel findet man den Bericht rund um Thomas in Johannes 20)

Der Beitrag ist erscheinen in: „Blick in die Kirche“, Beiheft der Ev. Landeskirche von Kurhessen-Waldeck zu den Tageszeitungen, März 2018.