Predigt aktuell: Führt Gott in Versuchung?

Predigt von Dekan Norbert Mecke zur aktuellen Debatte um den Text des Vaterunsers (Stadtkirche Melsungen):

 

Predigt: „Ist das richtig übersetzt: Und führe uns nicht in Versuchung“? (zum Papst-Interview; 3. Advent 2017),

Liebe Gemeinde,

da hat man seinen Adventsgottesdienst samt Predigt vorbereitet – und dann kommt der Papst. Also: jetzt nicht in live ins Dekanat, aber mit seiner öffentlichen Kritik am deutschen Wortlaut des Vaterunsers.

Die HNA räumte dem diese Woche die ganze Seite 1 im Politikteil ein – samt Hintergrundinfos, Kommentar und weiterem Begleittext – und das im ganzen Ausgabegebiet. „Was hätte Jesus gesagt?“, prangt als Titel darüber. Das Thema läuft Gro-Ko und Koko (Kooperationskoalition), dem Brennpunkt Jerusalem und Putins angekündigten Rückzug aus Syrien den Rang ab. Nochmal zum auf der Zunge zergehen lassen: Fragen zum Vaterunser laufen alledem und dem anderen Tagesgeschäft den Wichtigkeitsrang ab!

Erst habe ich gedacht: Das ist ja wenig adventlich, wenn aus Rom ausgerechnet die Kirche selbst kurz vor Weihnachten ein wenig Unsicherheit verbreitet. Das ist sonst doch Sache des Spiegels oder anderer Medien, die ungefragt jährlich zu den großen Feiertagen meinen, mit Leitartikeln ein wenig Wasser in die Festtagsssuppe gießen zu müssen: „War das Grab wirklich leer?“, „Wurde Jesus wirklich in Bethlehem geboren?“ Jetzt erledigt das die Kirche selbst: „Beten wir Christen wirklich richtig?“

Das Vaterunser – muss jetzt einer der wenigen christlichen Texte, den die meisten Deutschen – ob gläubig oder nicht – noch auswendig zusammenkriegen, diese kleine Insel nicht nur von Wissen, sondern doch auch von gelebter Frömmigkeitspraxis, in Frage gestellt werden? Ich bin in der vergangenen Woche jedenfalls jedes Mal beim Beten der hinterfragten Zeile „Und führe uns nicht in Versuchung“ gedanklich rausgeflogen aus dem Vaterunser und habe an dieser Stelle mehr an den Papst und sein Interview gedacht, als dass ich innerlich noch beim Beten war. Das ist ja auch schon eine Versuchung, wenn ein protestantischer Pfarrer beim Beten mehr an den „Heiligen Vater“ in Rom denkt als an den Vater (oben), mit dem er gerade im Gespräch ist.

Inzwischen glaube ich: Es ist doch adventlich, dass plötzlich öffentlich über das Vaterunser debattiert wird. Die einen überlegen automatisch: „Kann ich´s eigentlich noch?!“ und plötzlich fängt es in ihnen zu beten an. Das ist ja nie falsch; erst recht nicht in der Adventszeit, der Vorbereitungszeit auf das Fest des Herrn. Adventlich ist es aber auch, weil ein echtes „Jesus-Thema“ ja nun wirklich unsere vielen viel un-adventlicheren Themen dieser Weihnachtsvorbereitungs-Tage unterbrechen darf.

Plötzlich werde ich in der Fußgängerzone gefragt: „Wie sehen Sie das eigentlich mit dem Vater unser? Wie ist das mit unserem Gott: versucht er uns oder schont er uns davor?“ So haben mich das ganze Jahr keine Passanten angesprochen – und das obwohl ich oft und gerne bei Wegen durch unsere tolle Altstadt ein Schwätzchen halte. Und: Wie hätte sich unsere komplette Presseabteilung der Landeskirche krumm machen müssen, um die HNA davon zu überzeugen, eine ganze Seite zur Frage des Gottesbildes zu gestalten?! Denn darum geht es letztlich:

„Ein Vater macht so etwas nicht!“, sagt Papst Franziskus und ich zitiere weiter: „[Ein Vater] versucht nicht. Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan!“ Deshalb schlägt er vor, es müsse umgetextet werden: „Lass mich nicht in Versuchung geraten.“

 

Was hätte Jesus dazu gesagt? – die HNA beantwortet in ihrem Artikel dank des wirklich guten Redakteurs Tibor Pésza eine Menge Fragen richtig prima. Die Frage, was Jesus selbst gesagt hätte allerdings: Tja. An neue O-Töne kommen selbst beste Journalisten nicht mehr heran.

Wir gelangen zu Jesus nur durch die Texte des Neuen Testamentes. Und da steht nun mal wörtlich aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“

Würden Sie, ich, ein Papst oder jemand anders es bei jedem Satz der Evangelien immer nochmal besser wissen, was Jesus wohl eigentlich gesagt hat – es kämen eine Menge Bibeln dabei heraus. Am Ende würden sie aber mehr darüber aussagen, was wir schon immer mal sagen, glauben und verkünden wollten, als dass gesagt wäre, was Jesu Anliegen exakt trifft. Alles Widerständige, vielleicht sogar zunächst Widersprüchliche, was uns doch gerade zum Nachdenken herauskitzelt und wachrüttelt, würde weichen. Ist das nicht auch eine Versuchung, der man besser nicht erliegen sollte?! „Führe uns nicht in Versuchung!“

Unsere Bibel ist ein erfahrungsgesättigtes Buch. Hier werden Menschen beschrieben, hier kommen Menschen zu Wort, die schwere Lebensprüfungen hinter sich haben.

Denken Sie an Abraham, der erst darum gerungen hat, einen Sohn zu haben und dann darum, ihn verlieren zu sollen. Was für eine harte Probe: Das Wunschkind ersehen und lange nicht bekommen. Das geliebte Kind loszulassen – ganz verlieren zu sollen. Das ist doch nicht weit weg von uns – oder? Selbst da, wo es nicht dramatisch um Tod und Leben geht: Elternwerden, Elternsein ist eine beständige Lebensprüfung. „Mein Sohn“, „meine“ Tochter“ – schon in der eigentlich schönen und stolzen Formulierung manifestiert sich eine Versuchung, denn es ist ja nicht „mein“, sondern auf Zeit anvertraut. Was für eine Prüfung, das mitunter schmerzlich durchzubuchstabieren! Und Gott ist da mitten drin. Das glaubte doch ein Abraham mit der Verheißung, die er bekam und im Opfer, das ihm fast abverlangt wurde. Das glaube ich über Kindern und sehe es in der Taufe: Gott knüpft seinen Faden in das Strickmuster ihres Lebens fest ein. Und er ist auch in den Zumutungen, in die er uns Menschen stellt und in die uns das Leben führt: Das Leben, dessen letzter Autor er doch wohl ist und bleibt, führt.

Unsere Bibel berichtet von Hiob. Hier wird auf die Spitze getrieben, was uns an Gott verzweifeln lassen kann. Erlebtes Leid, erfahrene Ungerechtigkeit, die Ohnmacht angesichts von Verlust. Wer das Buch Hiob liest, erfährt von der ersten Seite an, dass Gott sehr wohl seine Finger im Spiel hat und behält. Die harten Proben, auf die Hiobs Vertrauen zu Gott gestellt wird, werden bei all ihrer Unfassbarkeit und bei allen unheimlichen Mächten, die mit am Werk sind, doch so erzählt, dass ich als Leser von Anfang an weiß: Und Gott bleibt im Regiestuhl und wird es im Sinne ausgehen lassen. Nur: Hiob weiß das nicht. Und so geht es uns doch auch. Mittendrin im Dickicht des Lebens, in allen Abgründen, in die wir stürzen, und in den Abgründen, die wir manchmal selbst sind, mitten im Nebulösen unserer Erfahrungen wissen wir oft nicht, wie es ausgeht. Wer von uns ist nie versucht, Gott in den Wind zu schießen, weil wir Schlechtes und Schlimmes partout nicht mit einem gütigen Gott übereinkriegen?!

„Versuchung“ ist die Situation, die mich herauskitzelt, dem Vertrauen auf Gott den Laufpass zu geben. Die Evangelien erzählen, dass auch Jesus ganz massiv in solche Situationen geraten ist: versucht, mehr auf Macht und Einfluss, eigene Kraft und Ansehen zu setzen als auf die manchmal schwächelnde Karte Gottvertrauen. Wie menschlich, dass all das nach ihm genauso griff, wie es nach uns greift. Und wie wahr, dass die Evangelien auch hier festhalten: Gottes Geist führt ihn in die Wüste und dunkle Mächte greifen versuchend nach ihm. Gottes Geist und dunkle Kräfte – heißt: Nicht alles, was in einem Leben nach uns greift, ist himmlischen Ursprungs. Gott ist schließlich keiner, der die Top 100 der fiesen Prüfungsaufgaben im Schreibtisch hat und uns Dauer-Härtetests unterzieht. Wozu auch: Wenn es auf unsere Bewährung ankäme, würden wir keinen Blumentopf bei ihm gewinnen. Das weiß er auch ohne es per Test nochmal bescheinigt zu bekommen. Aber er ist von Anfang an derjenige, der uns sehr wohl in Situationen stellt, die unterschiedlich ausgehen können: mit Vertrauen auf ihn, in Misstrauen gegen ihn. Sein Geist führt jeden von uns immer wieder in diese Wüste. Warum?

Weil in dem Moment, in dem Gott den Menschen als ein freies Gegenüber geschaffen hat, die Versuchung bereits im Raum stand: nämlich, dass es sein Mensch auf den Versuch ankommen lassen kann, es ohne seinen Schöpfer anzugehen.

Der Papst hat sicher Recht, wenn er sagt: „Ein Vater hilft wieder aufzustehen!“, aber nicht weniger gilt: „Eine Mutter oder ein Vater lassen Freiraum.“

Ist es nicht so: Jede Flasche Bier im Keller, jede offenliegende Geldbörse in der Wohnung, jede erlaubte Wochenendunternehmung der Teenager kann zu einer Versuchung werden, ja. Wer das nicht will, kann reglementieren, kontrollieren, wegschließen und den Freiraum begrenzen. Vertrauen, Erfahrungen, reife Lebenshaltung: eben die schönsten Antworten auf gute Erziehung, ein von innen heraus aus guten Werten gestaltetes Leben werden dann allerdings kaum wachsen können.

Als Gott den freien Menschen schuf, der eben aus freien (!) Stücken mit Gottes- und Nächstenliebe als Geschöpf antworten soll, hat er uns alle bereits in Versuchung geführt. Sie ist Grundmoment unseres Lebens. Das Ausprobieren, ob es nicht auch anders gut geht. – Das malt die Bibel auf ihren ersten Seiten mit dem Griff zur Frucht aus: Die Angst, nachher zu kurz zu kommen, wenn man sich an Gott hält. Und je finsterer unsere Erfahrungen am Vertrauen zu Gott nagen, je verlockender die Wege, von denen wir uns etwas versprechen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass unser Glaube, unsere Bindung an ihn ins Straucheln kommt.

Die Frage, wer in Versuchung führt, ist die alte Frage, wo das Böse seinen Ursprung hat – nur in etwas anderem Gewand. Und die Antwort entlang der Bibel lautet: Gott hat es nicht geschaffen. Aber sehr wohl seine Möglichkeit: als er Freiheit schuf; seine Schöpfung freisetzte, auf dass sie mehr als sein Marionettentheater sei.

Er hat seine Aktien damit auch in der Sache mit der Versuchung. Allerdings nicht in dem Sinn, dass er uns immer mal gerne ein Bein stellt und sich wie ein Erstklässler freut, wenn dann einer lang hinschlägt. Das meint der Jakobusbrief, wie wir gerade gehört haben: „Gott kann nicht zum Bösen verleitet werden und versucht werden und in diesem Sinne versucht er auch keinen.“ Er will nicht ja wachkitzeln, dass wir uns von ihm trennen, sondern dass wir ihn lieben und ihm vertrauen. Er will Nähe, nicht Distanz.

Christen beten nicht: „Führe uns nicht in Versuchung“, um Gott von Belastungstests abzuhalten. Wir beten so, weil wir wissen, wie schnell wir unter Umständen umkippen und Gott den Laufpass geben: im ganz normalen Leben mit seinen wüsten Erfahrungen oder in allem, was weglockt von echter Liebe für andere und Gott – seien es Egoismus, Selbstüberschätzung oder die Welt um uns herum. „Gott schenke unserem Leben Umstände, die zarte Pflanze unseres Vertrauens möglichst wenig ins Wanken bringen!“ Das bitten wir den, der auch Herr über unsere Lebensumstände ist. Wer denn sonst?!

Jesus hat wohl beten gelehrt: „Führe uns nicht in Versuchung!“, weil er eben geglaubt hat, dass Gott sein ständiger Wegbegleiter ist. Dass Gott die alles bestimmende Wirklichkeit ist und nicht einfach hier und da außen vor. Er ist auch in dem, was wir nicht verstehen, gegenwärtig. Das kann einen irremachen, wenn das, was man glaubt, nicht sichtbar aufgeht. Jesus hat es in Gethsemane Herzblut und Tränen gekostet: „Wo führst Du mich hier hin, Gott? Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ Erfahrungsgesättigt. Oder?!

„Wo führst Du mich hier hin, Gott?!“ – ich kenne diese Frage. „Was soll das jetzt?!“ Und ich kenne viele, die auch schon so unter Tränen gefragt haben. Und doch eins eben darin nicht loslassen wollen: Gott führt! Der Hirte. Hinein ins Leben, hinein in Erfahrungen – auch in von uns so nicht ausgesuchte. Mitunter ins dunkle Tal. Am Ende des Lebens jeden ins Tal der Todesschatten. In Momente, wo man in Gefahr steht, seine Hand loslassen zu wollen.

Nein. Dass wünscht keiner. Wer aber betet: „Führe mich nicht in Versuchung!“, rechnet selbst in Versuchung eben noch mit Gott. Der nimmt einen anderen Satz, den er bis dahin schon im Vaterunser gebetet hat, ernst: „Dein Wille geschehe!“ – weil er schlichtweg vertraut: Dieser Wille ist am Ende ein guter. Lebenswille, Liebeswille, Retterwille, Auferstehungswille Gottes. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar!“

 

Das Vaterunser nimmt dunkle Erfahrungen mit Gott auf. Es benennt ehrlich: „Gott – das bitte nicht! Ich will nichts erleben, was mich von Dir wegführt kann. Führe mich nicht in Situationen, die Vertrauensstörung oder gar -bruch bedeuten können!“ Aber es kommt von der Erfahrung her, dass Gott nicht immer aufgeht und handzahm zu haben ist. Jesus kommt von dieser Erfahrung her.

 

„Was hätte Jesus gesagt?“, fragt die HNA. Tja. Warum nicht genau das? „Führe uns nicht in Versuchung. Nicht mehr als wir es ohnehin schon mit der von Dir geschenkten Freiheit jeden Tag sind!“

 

Und wenn doch?

Dann will ich vom dunklen, mir verborgenen Gott zu seinen hellen Seiten fliehen – zu eben diesem Jesus, mit dem aufleuchtet:

„Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen!“ Sofort. Oder am dritten Tage. Manchmal auch erst in seiner Ewigkeit.

Aber die ist nie weit weg, sondern schon jetzt nah.

Denn die ist sein, wie das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.

Sein – wie ich und Sie. In allem, trotz allem.

Amen.

Dekan Norbert Mecke, Kirchstr. 8, 34212 Melsungen, norbert.mecke@ekkw.de